Lass uns über Mut reden

Als ich meine Mutserie auf meinem Blog begann, hatte ich keinen Schimmer, wie sehr dieses Thema doch viele berührt und vor allem auch selbst betrifft. Was meine persönliche Mutreise anbelangt, so habe ich festgestellt, dass es für mich besser ist, immer ein bisschen zeitversetzt zu berichten und nicht alles 1 zu 1 und sofort online zu stellen. Zum einen, weil man Niederlagen erst mal verkraften muss und zum anderen natürlich auch, weil sich anbahnende Projekte oft einer Verschwiegenheitsverpflichtung unterliegen.

Um Euch aber dennoch mit weiteren Mutfolgen zu unterhalten, habe ich vor meinem Sommerurlaub bereits die Fühler ausgestreckt und bin auf die Suche gegangen nach Mutgeschichten von Menschen, die ihr Leben verändert haben. Heute starte ich also mit der ersten Folge “Lass uns über Mut sprechen” und möchte Euch Gaby vorstellen.

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Mit dem Rad über die Insel/ Foto: privat

Gaby habe ich über Instagram kennen gelernt und wir sind über den Mutblog in Kontakt getreten. Sie schenkt uns heute ihre Geschichte, ihre Erfahrungen und Insights, und ich bin unglaublich dankbar, dass sie das alles mit uns teilt. Nun wünsche ich  Euch viel Spaß mit dem folgenden Interview.

 

 

 

 

Wie heißt du, wo lebst du und was macht dich aus?

Ich heiße Gaby, ich habe 26 Jahre in Hamburg gewohnt und lebe seit Juni 2018 auf der Insel Sylt.

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Und ewig lockt das Meer/ Foto: privat

Was mich ausmacht? Über diese Frage musste ich wahrlich etwas länger nachdenken. Ich bin vor allem ein sehr reflektierter Mensch, ich kann wirklich gut zuhören, ich bin recht fleißig, akkurat und zuverlässig. Auf der anderen Seite denke ich ab und an zu negativ, kann bei gewissen Themen richtig wütend oder traurig werden (z. B. wenn mir oder anderen Ungerechtigkeit widerfährt, wenn ich mich überfordert fühle). Wir alle haben mehrere Seiten in uns, nicht nur perfekte. Auch das macht mich halt aus: zu erkennen, dass ich nicht perfekt bin, dass ich Fehler machen darf und dass ich auch meine Emotionen zulassen kann.

Was machst du beruflich?

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Neuer Arbeitsplatz/ Foto: privat

Ich arbeite als Assistentin der Geschäftsleitung im Kontorhaus Keitum auf Sylt. Das Kontorhaus besteht aus einem Gästehaus mit 7 Suiten und einem Alkovenzimmer, 500 qm Verkaufsfläche für exklusive Einrichtungsgegenstände, hochwertige Accessoires und Bilder, sowie über 200 Sorten Tee. Das absolute Highlight ist unser Teeraum mit den unglaublichen Ausblick auf das Sylter Marschland. Ich bin die rechte Hand vom Kontorhaus Besitzer und unterstütze ihn, seine Frau und das Team bei allen anfallenden Aufgaben. Diese Aufgaben sind unglaublich unterschiedlich und ich helfe immer Mal aus, wenn es in den verschiedenen Bereichen drunter und drüber geht.

War das immer schon dein Traumjob oder gibt es noch einen Kindheitstraum, den Du Dir beruflich gerne noch erfüllen würdest?

Als Kind wollte ich alles mögliche sein, unter anderem auch Postangestellte. Mir hat es

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Ein Traum wird wahr/ Foto: privat

Spaß gemacht an meinem Kinderschreibtisch zu sitzen und „Büroangestellte“ zu spielen. Am Ende lernte ich wirklich Gemeindeassistentin (ähnlich Verwaltungsfachangestellte aber Beamtenlaufbahn) und landete nach der Ausbildung in Hamburg, in der freien Wirtschaft – im Vertrieb, weil die Arbeitsweise im öffentlichen Dienst mich abschreckte. Ich habe 23 Jahre im Vertrieb gearbeitet, immer als Assistentin. Aber ich glaube, mein Traumjob ist eigentlich Therapeutin – genau genommen Paartherapeutin. Ich habe in den letzten 9 Jahren diverse Aus- und Fortbildungen in diese Richtung gemacht. Das gelernte kommt mir in meinem gesamten Leben zugute. Ich kann mich besser in andere hineinversetzen, höre ihnen anders zu, löse Konflikte gelassener usw., aber meinen Traumjob habe ich vorerst auf Eis gelegt. Mein jetziger Job ist das, was ich immer gern einmal ausprobieren wollte. In einem Hotel arbeiten, im Service, alles kennen lernen, was das Hotelleben so ausmacht und gern als die rechte Hand vom Chef. Da hatte ich richtig Lust drauf.

Was bedeutet für Dich Mut?

Sich selbst zu hinterfragen und ehrlich zu sich selbst zu sein. Für sich selbst Entscheidungen treffen und entsprechend die Komfortzone verlassen. Leben nach seinem inneren Gefühl und über die eigenen Ängste hinauswachsen. Menschen, die diesen Weg wählen haben es sicherlich nicht immer leicht aber ich glaube, sie erfahren etwas sehr wichtiges: tiefe innere Zufriedenheit.

Diesen Weg wirklich zu wählen und zu gehen, das finde ich unglaublich mutig.

Wir sind über meine Mutserie auf Instagram zusammen gekommen. Der Mut spielt in Deinem Leben eine große Rolle. Warum?

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Sylt/ Foto: privat

Ich bin jetzt 48 Jahre und ich hatte in meinem Leben schon immer einen großen Wunsch: Ich wollte so gern am Meer leben. Aber ich war gefangen in meiner Komfortzone. Dabei machte mir mein damaliger Job schon lange keinen Spaß mehr und die Großstadt ging mir immer mehr auf den Keks. Eigentlich war ich gar nicht so mutig. Weil ich in dieser Situation verharrt bin und selbst keine Entscheidung für mich treffen konnte. Das hat dann das Universum für mich erledigt. Der eigene Mut kam erst danach, als ich realisiert habe, dass ich beruflich „frei“ bin.

Was hat Dich dazu bewogen, Dein Leben zu verändern?

Meine Firma in Hamburg, bei der ich 9 Jahre als Vertriebskoordinatorin angestellt gewesen bin, wurde verkauft und mir wurde zum 31. März 2018 gekündigt, allerdings mit Freistellung ab dem 01. Januar 2018. Es wurde allen Mitarbeitern gekündigt und ich denke, ich war die einzige, die sich unglaublich über diese Kündigung gefreut hat. Ich wollte schon lange nicht mehr in der Getränkebranche (Vertrieb) arbeiten, ich war wirklich sehr unglücklich – obwohl es eine tolle Firma gewesen ist, mit einem netten Chef und überwiegend lieben Kollegen. Für mich war aber diese Arbeit ohne Sinn, für ein Produkt, das kaum noch jemand wollte.

Ich habe das Übernahmeangebot der neuen Firma abgelehnt und das hat sich so richtig

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Corwall/ Foto: privat

gut angefühlt. Da es eine Abfindung gab und mir zusätzlich bis einschließlich März mein Gehalt weiter gezahlt wurde, bin ich mit meinem Lieblingsmensch + Hund erst einmal verreist. 4 Wochen England Cornwall. Wir lebten u. a. in einem kleinen bezaubernden Haus mit Blick auf‘s Meer. Diese Natur und jeden Tag das Meer – das wollte ich. Das machte mich ruhig und zufrieden.

Wieder daheim in Hamburg überlegte ich, wo es mir denn gefallen würde und wo es Arbeit geben könnte – da ist mir vor allem Föhr, Amrum und Sylt eingefallen. Ich habe nach Stellenanzeigen geschaut und 2 vielversprechende auf der Insel Sylt gefunden. Ich habe mich beworben und habe umgehend Antwort erhalten und wurde zu einem Gespräch eingeladen. Somit buchten wir für 5 Tage eine kleine Ferienwohnung auf Sylt und ich ging zu meinem 1. Vorstellungsgespräch in Westerland, bei einem kleinen Suiten Hotel und habe dort 2 Tage zur Probe gearbeitet. Es hat mir sehr gefallen, besonders der Umgang mit Gästen und der Service aber ich wurde natürlich auch mit meinen Ängsten konfrontiert: Schaff ich das? Kann ich das? Will ich das?

Ich war natürlich ehrlich zu der sehr netten Geschäftsführerin und habe ihr gesagt, dass ich noch ein Vorstellungsgespräch habe und das auch wahrnehmen möchte. Und das zweite Vorstellungsgespräch war am nächsten Tag beim Kontorhaus Keitum. Das war ein außergewöhnliches Gespräch, mit 2 faszinierenden Persönlichkeiten, in einem unglaublichen Ambiente mit einer unbeschreiblichen Atmosphäre.

Das Kontorhaus Team machte einen entspannten Eindruck. Nach über 2 Stunden habe ich diesen Ort verlassen und wusste, da will ich arbeiten. Das ist es. Bei dieser

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Umzugsteam/ Foto: privat

Entscheidung habe ich auf mein Bauchgefühl gehört und ab da änderte sich mein Leben. Ich habe auf Sylt eine Wohnung gesucht und, Dank der Hilfe einer Bekannten, sehr schnell eine 1–Zimmer Wohnung gefunden, die nur 3,5 km von meiner Arbeit entfernt ist. (Dazu muss man wissen, dass es unglaublich schwer ist auf Sylt eine bezahlbare Wohnung zu finden). Alles lief auf einmal so reibungslos, als ob das alles so sein sollte und es fühlte sich gut an.

Gab es Hindernisse?

Nicht wirklich, außer meiner eigenen Ängste wie z. B. Angst vor Einsamkeit (großes Thema für mich) oder meine neuen Aufgaben nicht gut genug erfüllen zu können. Ansonsten haben mir alle zugeraten. Es gab niemanden, der mir geraten hat, das sein zu lassen. Auch durch meine Partnerschaft wurde ich gestärkt. Wir haben gemeinsam einen Plan erarbeitet, wie das alles funktionieren kann: unsere Jobs, die uns immer wieder trennen (London, Hamburg, Sylt), gegenseitig besuchen, die Betreuung unserer Hündin und vor allem auch finanziell alles unter einem Hut zu bringen.

Es heißt ja immer, man kann alles schaffen, wenn man es nur wirklich will. Siehst Du das genauso?

Wenn ich etwas wirklich vom ganzen Herzen möchte und es sich gut anfühlt, dann würde ich zumindest versuchen es zu erreichen/zu schaffen. Der Wille muss halt da sein. Denn es gibt ja zwei andere, sehr passende Sprichwörter: „Wer nicht wagt, der nicht gewinnt“ und „Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.“ Dabei ist doch wichtig, sich selbst realistisch einschätzen zu können. Kann und will ich das wirklich? Ich glaube, wenn jemand etwas wirklich wirklich will, dann ist das Ziel auch zu schaffen.

Was war am schwersten für Dich?

Der Gedanke, vielleicht nicht ausreichend genug ausgebildet zu sein für diese anspruchsvolle Aufgabe und somit nicht genug zu sein.

Mich wieder unterzuordnen. Ich habe 2,5 Jahre sehr eigenständig gearbeitet und meinen Arbeitstag und die dazugehörigen Aufgaben selbst bestimmt. Jetzt musste ich wieder Aufgaben nach Ansage für zwei Vorgesetzte erledigen. Das war nicht so leicht aber zwischenzeitlich ist es für mich wieder normal und ich lerne dadurch auch so einiges.

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Am Ende des Regenbogens…/ Foto: privat

Außerdem war es sehr schwer, dass ich meine Hündin die ersten Wochen nicht mitnehmen konnte. Sie musste in Hamburg bleiben und kam nur selten zu Besuch. Zwischenzeitlich ist sie aber hier bei mir auf der Insel. Richtig schwer ist aber, meine Freunde kaum noch zu sehen, spontan sich zu treffen, gemeinsam am Wochenende frühstücken gehen, intensive Gespräche führen etc. Das fehlt mir wirklich sehr.

Was waren Deine Learnings während Du Deinem Herzen gefolgt bist? Welche Erfahrungen würdest Du gerne weitergeben?

Das du dich immer selbst mit nimmst. Das heißt, du kannst im außen alles ändern (Partnerschaft, Wohnort, das Land) aber das meiste kommt von innen und wenn deine Probleme und deine verschiedenen Erfahrungen sich wiederholen, hat das immer mit dir selbst zu tun. Das wurde mir hier auf der Insel noch einmal stark bewusst, weil sich Verhaltensweisen im Umgang mit Menschen bei mir zeigten, von denen ich dachte, diese längst überwunden zu haben. Natürlich arbeite ich an mir, weil ich es mir leichter machen möchte. Um so besser ich mich kenne und weiß, warum ich reagiere wie ich reagiere, umso gelassener werde ich in meinem Leben; mit mir und allen Menschen um mich herum. Gelassenheit mit sich selbst ist, neben dem spirituellen Erwachen, wirklich erstrebenswert. Für das eine kannst Du was tun, das andere geschieht einfach, wenn es denn für dich vorgesehen ist.

Mein Fazit:

Für mich war es richtig auf mein Bauchgefühl/Herz zu hören und bereue diesen Schritt keineswegs. Am Meer zu leben, mit so viel unglaublicher Natur macht zufrieden und beschert einem oft Glücksgefühle und die Hotelarbeit liegt mir, macht mir sehr viel Spaß. Ich würde mich, für einen guten Hoteljob, auch wieder örtlich verändern. Ich bin offener und flexibler geworden. Diese Art der Veränderung macht mir keine Angst mehr. Ich sehe es einfach so:

Dein sicherer Hafen sollte in Dir sein, dann kannst Du überall Anker legen.

 

 

 

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Lieblingsfoto/ Foto:privat

Liebe Gaby, vielen lieben Dank für deine ausführlichen und bereichernde Antworten. Wenn du Gaby auf instagram besuchen will, findest du sie unter @nordfrieslandmaedel

Wer noch mehr Lust hat, auf Geschichten aus dem Leben, dem sei der Instagram-Kanal von Gedankenkessel empfohlen. Andrea hat eine Interview-Serie in ihren Stories ins Leben gerufen, die in unregelmäßigen Abständen immer sonntags online geht.

Hast du Lust, mir von deinen persönlichen Mut-Learnings zu erzählen? Dann melde dich bei mir.

Vielen liebe Grüße von Heike aus dem [wa]schatelier

5 Antworten auf „Lass uns über Mut reden“

  1. Schöner Beitrag, den ich gern gelesen habe… ich wünsche Gaby ganz viel Freude in Ihrem neuen Leben auf der Insel und ganz sicher wirst Du auch bald Seelenfreunde vor Ort finden. Ich hoffe, Du kannst auch die Wochenenden dort verbringen und wirklich ankommen. Toll ist, daß Dein Partner Dich so unterstützt! Du lebst ihm vor, was es heißt, seinen Träumen zu folgen und dafür bekommst Du allen Respekt! Ich wünsche Dir viel Glück!!!

    1. Hallo Bettina!
      Herzlichen Dank für Deine Wünsche, Deine wirklich lieben Worte. Ich bin tatsächlich jedes Wochenende auf der Insel, weil ich immer am Wochenende arbeite. Aber am WE ist es besonders schön im Teekontor zu arbeiten, da alles ruhiger und entspannter abläuft. Besonders den Sonntag genieße ich auf der Arbeit. Für Dich alles Gute und GLG von der Insel, Gaby

  2. Bewundernswert! Eine sehr schöne Geschichte, die zum Mutigsein einlädt. Wer eine Vision hat, verfolgt auch seinen Weg. Bei mir heißt der Weg noch „Geduld“.
    Ich freue mich auf weitere tolle, mutige Menschen! Eine tolle, inspirierende Idee ❤️

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